Körper und Seele leiden, aber man kann trotzdem nicht loslassen? Emotionale Abhängigkeit ist weit verbreitet - und noch immer ein Tabuthema.

Emotionale Abhängigkeit kann ein enormes (selbst-)zerstörerisches Potenzial entwickeln. Dennoch wird die Beziehungs- oder Bindungssucht bis heute häufig eher stiefmütterlich behandelt oder in Zusammenhang mit Co-Abhängigkeit betrachtet.

Was ist Bindungssucht?

Bindungssucht bezeichnet das übergroße, suchtartige Bedürfnis nach menschlicher Nähe. Aus Angst vor dem Alleinsein werden Beziehungen um jeden Preis aufrecht erhalten. Beziehungssüchtige fühlen sich abhängig von ihrem Partner, der sich häufig von den starken Bindungswünschen eingeengt fühlt und diese instinktiv abwehrt. Obwohl Männer wie Frauen gleichermaßen betroffen sind, ist es für Männer meist schwieriger, sich zu einer Beziehungsabhängigkeit zu bekennen.

Mögliche Anzeichen von Beziehungssucht

„Besessenheit“:
Die Beziehung und das Nachdenken darüber beherrschen das ganze Denken und den gesamten Tagesablauf. Das Gefühl, dass die Beziehung einen im Griff hat, ist lähmend.

Kontrollbedürfnis:
Bindungssüchtige leben häufig in der Illusion, man müsse eine Beziehung nur genug wollen, hartnäckig genug sein, sich nur genug anstrengen, dann funktioniere sie auch.

Selbstaufgabe:
Der Betroffene passt sich an, verändert seinen Kleidungsstil, sein Äußeres oder bestimmte Verhaltensweisen, nur um dem Partner zu gefallen.

Hörigkeit:
Der Bindungssüchtige gibt seine persönlichen Wünsche und Freiheiten auf, um sich ganz auf den anderen einzustellen. Er ist bereit, seine eigenen Bedürfnisse jederzeit zurückzustellen, wenn es nur der Beziehung zugute kommt.
Den Eigenwert über den anderen definieren: Das Selbstbewusstsein speist sich zunehmend aus der Fixierung auf den Partner.

Idealisierung des Partners:
Während der eigene Selbstwert immer mehr abnimmt, wird der Partner immer mehr zum Idealbild stilisiert. Unschöne Seiten werden einfach ignoriert. Selbst dann noch, wenn der Partner sich demütigend oder gar gewalttätig verhält, sucht der Bindungssüchtige den Fehler bei sich selbst.

Opferbereitschaft:
Das Verhalten des Betroffenen wird zunehmend destruktiv und auto-aggressiv. Er wehrt sich nicht, lässt Demütigungen über sich ergehen und belügt sich selbst mit der Überzeugung: „Wer nicht leidet, der liebt auch nicht richtig.“ Bindungssüchtige suchen sich instinktiv häufig bindungsängstliche Partner, was eine gelingende Beziehung nicht nur doppelt unmöglich macht , sondern den Leidensdruck des Bindungssüchtigen noch erheblich erhöht.

Zunehmende Isolation:
Die Kontakte zur Außenwelt verlieren sich mehr und mehr. Der Bindungssüchtige zieht sich von Freunden und Familie zurück, die ihn scheinbar nicht verstehen oder vielleicht sogar vor der Beziehung warnen. Außerdem möchte er so viel Zeit wie möglich mit dem Partner verbringen und plant deshalb selbst lieber nichts, um im Zweifelsfall immer verfügbar zu sein.

Unruhe, wenn der Partner nicht da ist:
Wo ist er wirklich? Sagt er auch die Wahrheit? Mit Nachspionieren und Herumschnüffeln versucht sich der Betroffene Erleichterung zu verschaffen.

Krankhafte Eifersucht:
Nicht nur werden alle Menschen, die sich in die Nähe der geliebten Person wagen vom Bindungssüchtigen misstrauisch beäugt. Häufig sind sie auch auf Freunde eifersüchtig, die ihnen die „Zeit mit dem Partner stehlen“ ebenso wie auf sämtliche vergangenen Beziehungen, die der Partner hatte.

Panik vor dem Alleinsein:
Das Gefühl, keine Wahl zu haben, belastet den Bindungssüchtigen. Er hält lieber an der bröckelnden Beziehung fest als der Alternative ins Auge zu sehen: eine Trennungskrise meistern zu müssen und alleine zu sein. Getrieben von den Mechanismen seiner Abhängigkeit verliert er sich immer mehr in der destruktiven Spirale, so dass ihm schließlich die Kraft fehlt, sich aus der krankmachenden Beziehung zu lösen.

Mögliche Ursachen der Beziehungssucht
Schwieriger Ablösungsprozess von der Herkunftsfamilie:

Die Angst, alleine nicht zurechtzukommen.
Eltern, die wegen der Kinder zusammenbleiben, fördern bei ihren eigenen
Kindern möglicherweise die Vorstellung, dass zum Überleben das „Paar-Sein“ gehört.

Geringer Selbstwert: das Gefühl, dass es an einer eigenen Identität mangelt, lässt den Betroffenen die eigene Vervollkommnung in der Beziehung suchen.

Medien prägen ein Bild von Beziehungen, in denen alles gemeinsam erlebt und gemeistert wird. Die romantische

Idealisierung der symbiotischen Liebe, die Paare auf ewig miteinander verbindet, nährt realitätsferne Vorstellungen von Partnerschaft.

Paar-Sein ist „normal“, selbst in einer Gesellschaft, in der der Single-Anteil stetig steigt, empfinden es viele Alleinstehende noch immer als Makel, keinen Partner zu haben und bleiben daher lieber in unglücklichen Beziehungen stecken als alleine zu sein.

Was kann der Bindungssüchtige tun?
Sein destruktives Beziehungsmuster erkennen und anerkennen.

Rückbesinnung auf sich selbst: wer bin ich? Was kann ich? Was sind meine Ziele im Leben?

Eigene Hobbys pflegen und sich einen eigenen Freundeskreis aufbauen.

Alleinsein aushalten

Den Austausch mit Gleichgesinnten in Selbsthilfegruppen suchen.

Sich professioneller Hilfe anvertrauen, um die eigenen Verhaltensmuster zu durchschauen und langfristig zu ändern.

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